Phrasierung? Wozu das denn? – Ein Diskurs aus aktuellem Anlass

Phrasierung? Wozu das denn? – Ein Diskurs aus aktuellem Anlass

Jazz ist „schwarze“ Musik – basta.

Die Afroamerikaner haben ihn zum großen Teil erfunden, und sie sind es, die bis heute diese Musik faszinierend und überzeugend spielen. Natürlich gab und gibt es auch weiße Jazzmusiker, die Großartiges vollbracht haben und vollbringen – aber der schwarze Jazz ist und bleibt eben der schwarze Jazz, ähnlich wie die Musik der Sinti und Roma, die ja auch von diesen Volksgruppen am perfektesten gespielt wird (und auch hier gibt es natürlich Ausnahmen).

Jazz ist Rhythmus

Kennzeichnend für den Jazz waren und sind auch immer zwei wesentliche Dinge: Improvisation und Rhythmus.

Das heißt, wenn ich nicht imstande bin zu improvisieren, kann ich keinen Jazz spielen, ebenso wenig, wenn ich mit dem Rhythmus nichts anfangen kann. Und „mit dem Rhythmus etwas anfangen“ bedeutet schließlich auch, dass ich den Rhythmus nicht nur verstehen muss, sondern auch Elemente dieses Rhythmus in meiner Improvisation verwenden werde, mit ihnen spielen werde, sie verändern und andere Rhythmuspatterns hinzufügen werde, um mein Solo interessant zu gestalten. Es ist also eine ganz logische Konsequenz, dass ich lernen muss, jazzig zu phrasieren, weil der Rhythmus ein Teil dieser Musik ist. Die Phrasierung ist damit fundamentaler Bestandteil der Sprache Jazz – eine Art semantische Codierung.

Aufweichung des Jazzbegriffs und falsche Weitergabe

Viele Streicher-KollegInnen preisen sich öffentlich als auch des Jazz mächtig, obwohl sie von Jazz-Phrasierung nichts verstehen. Sie können zwar improvisieren, klingen aber, besonders wenn es um ternäre Patterns geht, wie zeitgenössische Klassiker – eben leicht „zickig“ oder unbeholfen und unpassend.

Die Gefahr, die ich darin sehe, ist, dass der Begriff „Jazz“, so wenig eng er in seiner ursprünglichen Bedeutung ohnehin gefasst ist (denn die Offenheit gegenüber anderen Genres ist eines der wesentlichen Merkmale dieser Musik), im Streicher-Bereich aufgeweicht wird, und auch Formen landläufig als Jazz bezeichnet werden, die wesentliche Grundlagen dieser Musik wie eben z.B. den Rhythmus komplett ignorieren:

Eine Improvisation ohne rhythmische Aspekte ist eine Improvisation. Sie kann gelungen und künstlerisch wertvoll sein, aber sie ist deswegen noch lange kein Jazz. Beispielsweise kann ich mit klassischer Phrasierung durchaus interessante Improvisationen abliefern – nur klingt es dann nicht nach Jazz und sollte tunlichst auch nicht so bezeichnet werden.

Eine weitere Gefahr besteht darin, dass viele Streicher-KollegInnen selbst auch Jazz in ihrem Unterricht anbieten, ohne sich jemals um Jazz-Phrasierung gekümmert zu haben und somit nachfolgende Generationen de facto falsch (oder zumindest ungenügend) über wesentliche musikalische Inhalte informieren. Das geht eigentlich gar nicht. Hier findet eine Simplifizierung statt, wie heute in vielen Bereichen populär, die aber wichtige Details unter den Teppich kehrt.

Der Bogen als Rhythmusinstrument

Leider ist die Jazzphrasierung mühsam zu erlernen, denn sie birgt für den Streicher zugegebenermaßen eine gewaltige Umstellung: Der Bogen wird völlig anders behandelt als in der klassischen Ausbildung. Plötzlich wird er zum zentralen Rhythmusinstrument! Es ist schon eine gewaltige Herausforderung, das Betonungsfeeling auf den Off-Beats zu erlernen, und dann soll auch der Bogenstrich diesem neuen Feeling noch angepasst werden! Hier kapitulieren viele, weil es ohne Anleitung einfach nicht möglich ist, auf die erforderlichen Bogentricks zu kommen. Zumal er/sie bisher in der klassischen Streicherausbildung sich nie mit dem Phänomen Rhythmus befassen musste – den schreibt nämlich der Komponist auf das Notenpapier, und wenn ich nur spielen soll, was da steht, muss ich mich noch lange nicht darum kümmern, wie es funktioniert.

Auch ich habe einige Jahre damit verbracht, herauszufinden, warum die Phrasierung eines Grappelli oder Ponty so unglaublich geschmeidig klingt, und was er mit dem Bogen genau macht. Sehen konnte ich Grappelli in den 1970ern leider nicht – er war damals auf weltweiten Konzertreisen – also musste ich in mühsamer Kleinarbeit durch ständiges Hören seiner Aufnahmen herausfinden, was hier mit dem Bogen passiert. Immerhin habe ich schließlich ein wenig Anschauungsmaterial von dem kürzlich verstorbenen Münchner Jazzgeiger Hannes Beckmann bekommen.

Und so habe ich es geschafft: Das Ergebnis findet sich in meinem ersten Lehrbuch. – Ein kleiner Tipp: Es geht um Off-Beat-Bindung und Ghost Notes!

Praxis-Tipp Off-Beat-Bindung

Versuche einmal, in Achtel-Ketten immer die zweite an die dritte und die vierte wieder an die erste Achtel anzubinden – der Effekt ist erstaunlich! Wenn Du nun auch noch ternär phrasierst, klingt das schon ziemlich jazzig.

Viel Vergnügen!

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